Aufklärung, Toleranz und Frieden

Herzlich willkommen!

 

Christliche Liberale

- Christen bei den Freien Demokraten

Baden-Württemberg e.V.

06.09.2015

Ein Plädoyer für Aufklärung, Toleranz und Frieden

Kulturelle Barbarei und Vandalismus sind ein zivilisatorisches Verbrechen

 

 

Die dramatische europäische Flüchtlingskrise überschattet manche Ereignisse und Geschehnisse, die in ihrer Singularität angesichts der nicht enden wollenden Nachrichten zu den ebenfalls nicht zum Stillstand kommen wollenden Flüchtlingsströmen und dem damit verbundenen Ringen nach Lösungen für die vielen damit verbundenen Probleme im öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden drohen.

 

Drei solcher singulärer Ereignisse sind die Sprengung des „Baaltempels“ in der syrischen Ruinenstadt Palmyra durch den selbsternannten „Islamischen Staat“ („IS“), die Zerstörung eines der ältesten christlichen Klöster in Syrien, „Mar Elian“ im Süden vom Homs; der Vorsteher des Klosters, Bruder Jacques Murad, wurde im Mai von Kämpfern des „IS“ verschleppt – sein Schicksal ist ungewiss und die Tötung des syrischen Archäologen Khaled al-Asaad im August dieses Jahres. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb hierzu: „Die antike Stadt Palmyra wird zum Schauplatz für die Vernichtung von Menschenleben und Kultur durch die Extremisten“. Ganz aktuell wird von einer weiteren Zerstörung in Palmyra berichtet: die Islamisten des „IS“ haben drei berühmte Grabtürme zerstört.

 

Werden in kriegerischen Auseinandersetzungen durch einen militärischen Angriff unbeabsichtigte Schäden (wie z.B. der Tod von Zivilpersonen oder die Zerstörung von Gebäuden) verursacht, so spricht man von sogenannten „Kollateralschäden“. Unabhängig davon, ob es sich beim Einsatz der von den USA angeführten „Anti-IS-Koalition“ um „Krieg“ (so Präsident Obama) oder um einen „Kampf“ handelt – das bisherige und das leider weiterhin zu erwartende Ausmaß an Tod, Vertreibung, Vernichtung und Zerstörung von Seiten des „IS“ ist nicht mehr mit dem Begriff der „Kollateralschäden“ zu fassen:

 

  • Was in Palmyra und anderswo von Seiten des „IS“ geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – in einem doppelten Sinne: Mord, ethnische Ausrottung, Versklavung und Verfolgung aufgrund von rassistischen, politischen und religiösen Motiven sind gemäß der Definition der Londoner Charta vom August 1945 Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Noch differenzierter definiert in diesem Sinne das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs aus dem Jahre 2002 das, was unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu subsumieren ist – dazu gehören auch Vergewaltigung und Zwangsehen.
  • Die Zerstörung von einmaligen Kulturgütern in den letzten Wochen und aktuell in Syrien ist eine andere – und nicht weniger grausame, entsetzliche und zutiefst menschenverachtende – Spielart von Verbrechen gegen die Menschlichkeit – auch wenn die Sprengung von Kulturgütern nicht (direkt) unter die Definition des römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs fällt.
  • Wer Kultur zerstört in welcher Weise auch immer, verübt einen Anschlag auf die Menschheitsgeschichte und zerstört die kulturelle Identität von Ethnien. Im Falle von Palmyra, Homs und anderen Orten ist es der Versuch, das kulturelle Gedächtnis der zivilisierten Menschheitsgeschichte auszulöschen .(siehe hierzu einen Beitrag in ZDF/FAZ vom 4.9.15).

 

Wo dies geschieht, ist es auch nicht mehr weit, Menschen zu töten. Wie sagte Heinrich Heine: „Wo man Bücher (sic. Tempel, Statuen etc.) verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

 

Im „Namen des Propheten“ zerstören „IS“-Kämpfer unaufhaltsam weiter Kulturgüter, die sie als „vor- und unislamisch“ bezeichnen. Mossul, Homs und Palmyra sind letztlich für diese fundamentalistisch-religiösen Ideologen nur Synonyme für alles, was nicht ihren Vorstellungen von einem „wahren Islam“ entspricht. Und es ist der brachial-barbarische – und zur Zeit auch gelingende - Versuch, nur eine Religion als die einzig wahre zu verkünden: einen Islam nach Maßfertigung des „IS“, dem jede kritische historische Betrachtungsweise von Religionen und damit ihrer zeitlichen Kontextgebundenheit und Relativierung abgeht (vgl. „Kampf gegen die Historisierung des Islam“, Andreas Kilb, FAZ vom 2.9.15).

 

Sicher: Syrien, der Irak und der „IS“ sind weit von Deutschland und Europa weg. Und die Wahrscheinlichkeit ist auch als gering einzuschätzen, dass in naher oder ferner Zukunft der Kölner Dom, das Straßburger Münster, die Peterskirche in Rom oder die gotischen Kathedralen in der Ile de France gesprengt werden.

Aber dennoch betreffen die Verwüstungen, Untaten und Verbrechen, die der „IS“ systematisch anrichtet und verübt, auch uns – und dies nicht nur in der großen Anzahl der syrischen Flüchtlinge (und irgendwann dann auch einmal den Internationalen Gerichtshof in Den Haag):

 

  • Der Philosoph Immanuel Kant stellt am Ende seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ von 1784 heraus: zwar würden wir in einem Zeitalter der Aufklärung leben, aber noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter.
  • Der einzelne Mensch, das Individuum, existiere als „Zweck an sich selbst“. Und damit hat – nach Kant und der Auffassung der Aufklärung – jeder Mensch eine Würde, d.h. einen unvergleichbaren Wert, weshalb jedes Individuum Achtung beanspruchen kann.

 

Der geradezu unbändige Optimismus auf eine Humanisierung des Menschengeschlechtes, seiner Lebensweisen und -Formen in Beziehungen, Gesellschaft, Religion und Politik drückt sich in diesem Denken aus. Lessings „Nathan, der Weise mit seiner Ringparabel und ihrer Botschaft der Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Gleichwürdigkeit der drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam klingt mit an.

Die Überzeugung und der Glaube der Aufklärung, dass mit Vernunft und Einsicht die Menschheit humaner und damit toleranter und friedfertiger werden könnte, wurde in den Jahrzehnten und Jahrhunderten danach bis zum heutigen Tag heftig erschüttert und gerade durch die Schrecken der Kriege des 20. Jahrhunderts auch in Frage gestellt.

 

  • Dennoch: Die Aufklärung, ihre Überzeugung und ihr Glaube an eine mögliche Humanisierung des Menschen sind Teil des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit. Zivilisation, Toleranz und die Achtung der Würde jedes Menschen sind wesentliche Kennzeichen, das Knochenmark, hiervon. Dies symbolisieren auch und gerade die nun in Schutt und Asche liegenden syrischen Kulturdenkmäler.
  • Und deshalb wurden nicht nur Ruinen und Steine zerstört: die Zerstörung dieser Kulturdenkmäler ist eben auch ein gezielter Angriff auf Grundwerte jeder Zivilisation.
  • Mit jeder vernichteten Statue, mit jedem gesprengten Baudenkmal, mit jedem Stein wurden eben auch Zivilisation und Kultur mit Füßen getreten und zerstört. Es sind gezielte Versuche, Würde, Wert und Achtung (Toleranz) als zentrale Kennzeichen einer aufgeklärten Zivilisation auszulöschen.

 

Die aktuelle Flüchtlingssituation, die uns und die Menschen, die zu uns kommen, vor beispiellose Herausforderungen stellt, soll und darf nicht kleingeredet werden. Aktualität und vor allem ihre Brisanz stehen im Vordergrund. Europa als „Wertegemeinschaft“ ist gefragt – und hat sich konkret an den oft in schönen Reden beschworenen „Werten“ messen zu lassen (bezüglich des Verhaltens mancher europäischer Staaten in der Flüchtlingsfrage kommen einem Zweifel auf, ob die viel gerühmte europäische Wertegemeinschaft vielleicht doch eher nur auf dem Papier als in der Wirklichkeit existiert).

 

Aber dennoch dürfen die Verbrechen an Menschlichkeit und Kultur, die im Namen einer vor-zivilisatorischen und geradezu altsteinzeitlichen Terrormiliz flächendeckend begangen werden, bei uns nicht ins Hintertreffen geraten, verdrängt oder vergessen werden:

 

Der öffentliche und laute Protest gegen diese Barbarei (und sicherlich auch ein beherzteres internationales Vorgehen gegen den „IS“) und die gesellschaftliche, politische und kulturelle Erinnerungsarbeit am zivilisatorisch-kulturellen Menschheitsgedächtnis ist auch der Lackmustest für unsere westliche Zivilisation und ihre Überzeugung, dass die Werte der Aufklärung nicht nur auf dem Papier existieren, sondern die Widerstandskraft sind, die eigene kulturelle Herkunft und Identität lebendig zu gestalten – und sich der Angriffe gegen sie im Innern der Gesellschaft (Rechtsradikalismus, religiöser Fundamentalismus und Extremismus), als auch des Versuchs, sie grundsätzlich auszulöschen („IS“) zu erwehren.

 

Syrien und der Irak sind so weit von Europa nicht weg. Das bekommen wir täglich mit den vielen Flüchtlingen vor Augen geführt. Flüchtlinge sind keine Plage; sie sind eine Chance für unsere Gesellschaft – und dies über die berechtigte Diskussion über den Arbeitskräftemangel bei uns hinaus. Die Chance liegt gerade auch darin, uns als Einwanderungsgesellschaft zu bewähren.

Die Tageszeitung „Die Welt“ (5.9.15) kommentiert dies so:

 

  • „Die Erfahrungen erfolgreicher Einwanderungsgesellschaften (…) zeigen, dass Integration dort gelingt, wo Gesellschaften mit starker eigener Identität Anpassungsleistungen vor allem von den Neuankömmlingen verlangen. Es wäre zudem längst nötig, dass Deutschland ein nach qualitativen und kulturellen Kriterien gestaffeltes Einwanderungssystem schafft (...).“

Die Chance besteht aber nur, „wenn die Entscheidungsträger den Bürgern das Gefühl vermitteln, dass sie einen Plan haben“.

 

Voilà – vielleicht wären dies Beiträge zur Aufklärung. Wir leben zwar in einem „Zeitalter der Aufklärung, aber noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter“. Die Arbeit geht also weiter und das „Projekt der Aufklärung“ ist noch nicht abgeschlossen. Packen wir's also an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jörg Diehl

1. Vorsitzender Christliche Liberale - Christen bei den Freien Demokraten Baden-Württemberg e.V.

 

 

 

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