Ostergruß 2017

Ostergruß 2017

„Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkünden“, Matthäusevangelium, 28,8

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder,
liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde,

der Publizist und ehemalige FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung – Mitherausgeber Joachim Fest setzt sich in seinem lesenswerten Essayband „Die schwierige Freiheit. Über die offene Flanke der offenen Gesellschaft“[1] mit der Frage auseinander, wie liberale und offene Gesellschaften nach dem „Ende des utopischen Zeitalters“ ihre Freiheit leben und gesellschaftlich gestalten können.
Dies angesichts der Überlegung, dass sie sich gerade in ihrer Lebensweise und ihrem Selbstbild häufig mit der Fragilität und Bedrohtheit offener und freier Gesellschaften von innen her konfrontiert sehen und gegenüber den Deutungsmustern utopisch-ideologischer Menschen- und Gesellschaftsbilder das Maß der Freiheit immer wieder neu bemessen müssen:

„Man kann nicht daran vorbei, dass jede soziale Ordnung sich, schon dem Begriff nach, von einem Katalog verbindlicher Grundannahmen herleitet, die sie weder dem Gespött noch dem Amüsierbetrieb preisgeben und in ein Miasma der Beliebigkeiten wegrutschen lassen kann, ohne sich selbst zu zerstören“.[2]

Freie Ordnungen, so Fest weiter, können die normativen Übereinkünfte nicht durch Gesetze oder staatliche Eingriffe für ihre Bürger sichern:

Freie Ordnungen „können die Voraussetzungen ihrer eigenen Existenz nicht schaffen, sie sind umso dringlicher auf den intakten Sinn der regulativen Prämissen angewiesen, die den humanen Zusammenhang einer Kultur ausmachen und selbst in der nachaufklärerischen Epoche die Erinnerung an einen religiösen Ursprung bewahren“.[3]

OSTERN ist eine solche Erinnerung an den religiösen Ursprung unserer Kultur. Doch ist es mehr als das: OSTERN erschüttert das bisherige, alte, gewohnte und eingefahrene Leben und eröffnet eine Zukunft mit neuen, wenn auch noch unbekannten und ungewissen Perspektiven:

Die drei Frauen am leeren Grab ‚eilen und laufen mit Furcht und großer Freude‘ – man lese diesen Vers genau: die Freude war größer als die Furcht; die Freude größer als die Trauer um den Tod Jesu; die Hoffnung auf eine neue, veränderte, aber noch unbekannte Zukunft größer als das ängstliche Festhalten am Alten und Hergebrachten.

  • OSTERN, die Botschaft von der Auferstehung Jesu, sprengt das Festgefahrene – des Alltags, der Beziehungen, der sozialen und gesellschaftlichen Ordnung. Nicht sofort und schlagartig, aber langsam und stetig.
  • OSTERN ist eine Mut- und Freiheitsgeschichte: die drei Frauen sind die ersten Zeugen des Geschehens – nicht die (männlichen) Jünger; die sind geflohen und haben sich verkrochen in ihrer Angst, von der römischen Behörde gefasst und ebenfalls angeklagt zu werden.
  • Mithin ist OSTERN auch eine Emanzipationsgeschichte: die drei Frauen sind mündig – sie verkündigen mit ihren Mündern und Lippen die frohe Botschaft.
  • Freiheit beginnt im Kleinen und beim Einzelnen; in gelebter und gestalteter Freiheit.

Nicht nur, aber auch und manchmal auch besonders Liberale in der säkularen, nach-aufklärerischen Epoche, die gerne dazu neigen, Freiheit singulär und historisch-ideengeschichtlich verkürzt mit dem Begriff der „Aufklärung“ gleichzusetzen, sollten sich an diese österliche Freiheitsgeschichte erinnern.

Ich wünsche Ihnen und Euch allen auch im Namen des geschäftsführenden Vorstandes für das bevorstehende Osterfest und für die sich anschließende österliche Zeit die Freude, von der das Evangelium berichtet; den Mut, die von Ostern her geschenkte Freiheit zu leben, zu gestalten; und die Entschlossenheit, sich in diesen „post-faktischen“ Zeiten zur Freiheit zu bekennen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Jörg Diehl
1. Vorsitzender
Christliche Liberale – Christen bei den Freien Demokraten Baden-Württemberg e.V.


[1] Joachim Fest, Die schwierige Freiheit. Über die offene Flanke der offenen Gesellschaft, 1993, Berlin; erschienen vier Jahre nach dem Ende des kalten Krieges, dem Mauerfall und dem „Ende des utopischen Zeitalters“; (JF, Freiheit)
[2] JF, Freiheit, Seite 62.63
[3] JF, Freiheit, Seite 63.64

 

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