Weihnachtsbotschaft 2016

Weihnachtsbotschaft 2016

„Und nicht nur zur Weihnachtszeit“

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder,
liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde,

„Und nicht nur zur Weihnachtszeit“ ist eine bissige Satire des Schriftstellers Heinrich Böll, in der er die bundesrepublikanisch aufstrebende Konsum- und Wohlstandsgesellschaft der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts persifliert:

Eine rheinische Kaufmannsfamilie feiert täglich Weihnachten, nachdem sich die schrullige Tante Milla nicht mehr von ihrem Weihnachtsbaum trennen kann und in Schreikrämpfe gerät, wenn der Baum abgeschmückt und entsorgt werden soll. Alle medizinisch-therapeutischen Versuche helfen nichts und Onkel Franz, Tante Millas Ehemann, beschließt, nun täglich Heiligabend im Kreise der Familie zu feiern um des lieben Friedens willen unter den sanften Rufen „Frieden, Frieden, Frieden“ eines Engels auf der Spitze des Nadelbaumes, der seine „Friedensbotschaft“ aufgrund eines raffinierten Mechanismus verkündet, die durch die aufströmende Wärme der abbrennenden Kerzen ausgelöst wird. Nach zwei Jahren des täglichen Feierns sind Familie, Angehörige und Freunde erschöpft, die familiär-freundschaftlichen Beziehungen lösen sich auf; alles ist in Verfall und Auflösung begriffen –

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, Evangelium des Lukas, 2,14.

Die „alle Jahre wieder“ an Weihnachten verlesene Friedensbotschaft aus dem Lukasevangelium wird auch dieses Jahr von vielen Kanzeln zu hören sein; und wie „alle Jahre wieder“ werden viele Menschen diese Botschaft hören in einer Zeit, die wenig friedvoll ist und immer mehr den Eindruck vermittelt, dass die „Welt aus den Fugen“ gerät – die kriegerischen Konflikte in Syrien und dem Irak und das entsetzliche Elend der Zivilbevölkerung in Aleppo und anderswo sind nur ein Beispiel für eine destruktiv-zerstörerische Gewalt, die man sich nach dem Ende des kalten Krieges und dem sicher allzu euphorisch gefeierten „arabischen Frühling“ nicht mehr hätte vorstellen können.

Das damit u.a. verbundene Flüchtlingsthema stellt Europa, seine Einheit und Solidarität hart auf die Probe und „feiert“ in Form von nationalistischen und rechtspopulistischen Stimmungen, Strömungen und Parteien ein „post-faktisches“ Freudenfest: Politik im „post-faktischen Zeitalter“ hat sich nicht mehr mit Fakten zu beschäftigen, sondern auf die Stimmungen und Gefühle der Menschen zu hören (der NDR berichtete). Die Teilnehmer von „Pegida“ (siehe dazu auf katholisch.de) in Dresden und „Legida“ in Leipzig werden in diesen Advents- und Weihnachtstagen wieder „O Du fröhliche, O Du selige, friedensbringende Weihnachtszeit“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen und für den Erhalt des „christlichen Abendlandes“ und gegen Überfremdung demonstrieren – auch wenn die Mehrheit der Anhänger wenig bis gar keine religiös-kirchliche Bindung hat (die FAZ berichtete).

Auflösung und Verfall allerorten bei uns? Nicht nur in der Familie von Onkel Franz und Tante Milla? Die Friedensbotschaft von Weihnachten nur eine emotional-ästhetische ornamentale Beigabe zu einem christlich-kirchlichen Fest, das ansonsten bei einer wachsenden Mehrheit der Menschen bei uns immer mehr seinen Sinn und seine Bedeutung verliert?

Mitnichten. Die Weihnachtsgeschichte und ihre Friedensbotschaft hat im Grunde wenig Beschauliches zu bieten: Maria und Joseph fanden keine Herberge; das Kind kam in einem Stall in einer Futterkrippe zur Welt – bescheidene, ärmliche Verhältnisse also. Und fügt man den legendären „Kindermord zu Bethlehem“ und die sich anschließende Flucht der Familie nach Ägypten (Matthäus 2) zu dieser Geschichte noch hinzu, so wird einem endgültig die ganze Beschaulichkeit von Weihnachten genommen.

Mit der Geburt korrespondiert sofort und von Anbeginn die tödliche Gefährdung dieses neuen Lebens, das dann auf Golgatha am Karfreitag am Kreuz endete, um mit der Auferstehung am Ostersonntag das neue Leben zu feiern, das stärker ist als der Tod.

  • Sowohl auf Bildern des Barock als auch auf modernen Darstellungen wird die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem immer wieder im Hintergrund mit den Kreuzen der Schädelstätte Golgatha dargestellt. Das wirkt zunächst irritierend, vielleicht auch störend.
  • Jedoch macht es Sinn, in Krippe und Kreuz bildhaft zum Ausdruck zu bringen, was die Eckdaten des Lebens sind: Geburt und Tod.
  • Darüber hinaus ist die Darstellung des Kreuzes im Zusammenhang der Geburts- und Weihnachtsgeschichte eine Art „Denkpause“:
  • Sie fordert auf, inne zu halten und die frohe Botschaft der Geburt des Gottessohnes eben auch von seinem Ende her zu sehen und zu bedenken. Damit soll die Freude über dieses Ereignis in keiner Weise getrübt werden –
  • vielmehr ist das Kreuz eine stille Aufforderung, die Botschaft des Friedens auf Erden für alle Menschen, die guten Willens sind und bereit sind, für diesen Frieden zu arbeiten und zu leben, ernst zu nehmen und sich dafür einzusetzen.

Mitten in die frohe Botschaft „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“ (Lukas 2,10.11) werden wir aufgefordert, wachsam, achtsam, konzentriert zu bleiben, um Menschen dieses „Friedens-Wohlgefallens“ zu werden.
Weihnachten ist somit auch eine stille Aufforderung, sich einzuüben in die Unterscheidung der Geister – um Gottes, der Menschen und des Friedens willen. Und dies „nicht nur zur Weihnachtszeit“.

Ich wünsche Ihnen und Euch persönlich auch im Namen des geschäftsführenden Vorstandes eine frohe und gesegnete Weihnachtszeit und verbleibe mit den besten Grüßen

Ihr und Euer

Jörg Diehl
1. Vorsitzender
Christliche Liberale – Christen bei den Freien Demokraten Baden-Württemberg e.V.

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